Natur, Wild und Jagd im Untereichsfeld
Die Naturlandschaft des Eichsfeldes sähe ohne Eingriffe des Menschen völlig anders aus als die aktuelle Landschaft, die uns umgibt : Buchenwälder mit einigen beigemischten anderen Baumarten würden etwa 90% der Flächen, Bruchwälder, überwiegend mit Erlen, würden die Talböden einnehmen. Die heutige Aufteilung in Wälder, Ackerland und Grünland, Verkehrswege und Siedlungen (s. Abb. 1) geht fast ausschließlich auf den wirtschaftenden Menschen zurück. Wir leben also in einer Kulturlandschaft, die in ihren einzelnen Teilen mehr oder weniger naturnahe Züge aufweist. Nun sind einzelne Bereiche der Kulturlandschaft als ökologisch durchaus wertvoll zu bewerten : Trockenrasen, die aus ehemaligen Schafweiden entstanden sind, extensiv genutzte Naßwiesen, eng verzahnte Grünland- und Waldparzellen mit strauchreichen Waldrändern z. B. weisen eine bedeutend größere Diversität auf als die naturnahen Buchenwälder und stellen für viele wildlebende Pflanzen- und Tierarten günstigste Lebensräume und damit schützenswerte Landschaftsteile dar.
Die ”altmodische” traditionelle Kulturlandschaft ist die Landschaft, in der sich über Jahrhunderte hinweg die heutigen Lebensgemeinschaften von Pflanzen und Tieren herausgebildet haben und an die sie optimal angepaßt sind. Die weitgehende Zerstörung dieser reichgegliederten Kulturlandschaft ist in erster Linie das Ergebnis der Rationalisierung der Landwirtschaft seit Beginn des 20. Jahrhunderts, besonders seit dem Kriegsende.
Wenn auch die Wälder des Eichsfeldes bereits im Mittelalter weitgehend verschwunden waren, und die Ackerflächen seitdem kaum zugenommen haben, so zeigt doch z. B. die älteste topographische Karte unseres Raumes, die unter der Leitung von Carl Friedrich GAUSS in den Jahren 1827-32 aufgenommen wurde, daß große Teile der Ackerflur vor 170 Jahren erheblich naturnaher waren als heute. Zum einen waren Äcker an Hängen meistens in schmale Ackerterrassen gegliedert, die dazwischen liegenden steilen Abschnitte waren mit Büschen und Bäumen bestanden: ein günstiger Lebensraum für eine große Zahl von Tieren. Am eindrucksvollsten ist ein das ganze Eichsfeld überspannendes Netz von Driften oder Triften, breiten Grünland- und Heidestreifen, auf denen die Schafherden von Dorf zu Dorf und zu allen Weideflächen (abgeernteten Feldern) getrieben werden konnten. Abbildung 2 zeigt einen Ausschnitt aus dieser Karte von 1832, die im Bereich des Höherberges diese Triften gut erkennen läßt.
Abb. 1 : Die Verteilung der Landnutzung in der Bundesrepublik im Jahre 1997.
Abb. 1a: Landnutzung im Altkreis Duderstadt im Jahre 1997
Abb 2: Ausschnitt aus der Gausschen Karte, ganzseitig einfügen
Abb. 2 : Ausschnitt aus der GAUSSschen Landesaufnahme des Eichsfeldes von 1827-32. Gezeigt ist die Landschaft rund um den Höherberg zwischen Krebeck und Gieboldehausen vor etwa 170 Jahren. In Grau angelegt sind die Wiesen- und Heidekorridore, die als Schaftriften genutzt wurden - vernetzte Biotope in der Kulturlandschaft, wie man sie sich schöner kaum vorstellen kann.
Als ökologisch besonders negativ und für alle wildlebenden Tiere als unwirtlich zu beurteilen sind jedoch generell großflächige, kaum strukturierte und absolut ”sauber” gespritzte Monokulturen, - das Ziel der aktuellen Agrarpolitik - die bei uns vor allem mit Wintergetreide, Raps oder Zuckerrüben bestanden sind. Auch die intensiv genutzten Grünländer sind für das Wild von stark eingeschränktem Wert; sie sollen rasch große Mengen an Grassilage produzieren, Kräuter sind unerwünscht.
So bleiben in unserem Raum als Flächen, die für das Wild günstige Lebens-bedingungen bieten, im wesentlichen:
· naturnahe Wälder, deren Anteil gegenüber naturfernen, nur aus ökonomischen Erwägungen angelegten und betriebenen Forsten z. Zt. generell im Wachsen begriffen ist, wobei natürlichen Waldrändern eine besonders positive Rolle zukommt,
· die noch vorhandenen, nach §28a besonders geschützten Landschaftsteile, wie Moore, Naßwiesen, Gewässer, Heiden, Auen- und Schluchtwälder etc.
· Hecken, nicht gemähte und nicht gespritzte Wegränder und Gewässer-randstreifen, die eine wichtige, Einzelbiotope vernetzende Funktion haben,
in die Feldflur eingestreute inselartige Hegebüsche von mindestens einem Morgen Größe, die besonders dem Bedürfnis des Wildes nach Deckung entgegenkommen (und meistens von der Jägerschaft angelegt wurden),
· ebenfalls positiv sind die Brachflächen und extensivierten Ackerrand-streifen, welche auf administrative Naturschutz- und Stillegungsmaßnahmen zurück-gehen, und die, so ist zu hoffen, verbunden mit Ausgleichszahlungen an die Landwirte, auch in Zukunft fortgeführt werden.
War bisher nur von der generellen Gunst oder Ungunst unserer Eichsfelder Landschaft für wildlebende Tiere die Rede, so soll es im folgenden um die wichtigsten Wildarten im Gebiet der Jägerschaft Duderstadt, um die Populationsentwicklungen der letzten 40 Jahre und deren Ursachen gehen. Daten über die Zeit nach dem Kriegsende bis 1963 waren trotz intensiver Suche nicht mehr aufzufinden.
Der Schwarzwildbestand und die Schwarzwildstrecke sind nach dem Verschwin-den der Sperranlagen an der Grenze zum Obereichsfeld 1990 deutlich angestiegen (s.Abb.3). Bei der hier gewählten Darstellung in Fünfjahresschritten werden nur längerfristige Trends, nicht aber die Schwankungen von Jahr zu Jahr deutlich. Die zu beobachtenden Schwankungen zwischen 60 und 120 Stück Schwarzwild von einem Jahr zum anderen gehen vor allem auf die unregelmäßige Verteilung von Eichelmasten zurück: in Mastjahren sind die Sauen schlecht zu bejagen, da sie den Wald nicht verlassen. Im darauffolgenden Jahr hat die Population dagegen stark zugenommen - was z. B. im laufenden Jahr 1999 gut zu beobachten ist. Die Sauen finden durch die Zunahme des Maisanbaus günstigere Ernährungsbedingungen vor als vor 30 Jahren. Wir werden auch in Zukunft mehr Sauen schießen können, allerdings unter erhöhten Kosten für Wildschäden und unter sorgfältiger Kontrolle der Schweinepest.
Abb.3 : Die Jagdstrecken von Schwarzwild, Fuchs und Dachs im Gebiet der Jäger- schaft Duderstadt von 1938/39 bis 1998/99
Das Rehwild, der ”Hirsch des kleinen Mannes”, befindet sich, wie Abb. 4 erkennen läßt, in einem kontinuierlichen Aufwärtstrend. Die Rehe sind anpassungsfähiger als von vielen erwartet, selbst mit der zunehmenden Unruhe im Walde durch Besucher werden sie als sich drückendes Wild fertig. Sie sind jedoch heimlicher geworden und schwieriger zu bejagen als früher. Im Eichsfeld fehlt dem Rehwild in erster Linie Deckung in den ausgeräumten Agrarlandschaften - Hegebüsche im Eigentum der Jägerschaft sind eine optimale Abhilfe. Während des Waldumbaus nach dem LÖWE-Programm wird man über eine bestimmte Zeit verstärkt bejagen müssen, langfristig ist aber ein naturnaher artenreicher Laubwald ein viel besserer Rehwildbiotop als ein eintöniger Altersklassen-Wirtschaftswald.
Abb.4 : Die Jagdstrecken des Rehwildes im Altkreis Duderstadt 1938/39 bis 1998/99
Abb.3 zeigt den rasanten Anstieg der Fuchsstrecke, welcher der Entwicklung der Fuchszahlen etwa entspricht. Der ”listige Fuchs” als opportunistischer Anpasser wird mit den geänderten Verhältnissen in der Kulturlandschaft blendend fertig. Seit die Tollwut als dezimierende Seuche fast ausgerottet ist, bleiben nur Straßenverkehr und Jäger als ”Kontrolleure” der Fuchspopulation. Der Einfluß des Fuchses auf seine immer rarer werdenden Beutetiere wie Hasen und Hühnervögel, bei uns vor allem Rebhühner und Fasanen, kann nach zahlreichen Studien, z.B. aus England, überhaupt nicht bestritten werden. Der Fuchs bleibt deshalb für die Jägerschaft ein Objekt, an dem sie beweisen kann, daß sie in der Lage ist, eine Wildart zu kontrollieren.
Ebenso dramatisch wie die Zunahme der Fuchszahlen um etwa den Faktor sechs seit den sechziger Jahren ist die Abnahme der Hasenstrecke um etwa denselben Faktor (s. Abb. 5). Über die Gründe dieses Rückgangs ist viel spekuliert und noch mehr geschrieben worden : Coccidiose, der Mangel an Kräutern und der hochsommerliche Nahrungsmangel insgesamt, das Fehlen von Feldrainen, Wegrändern, Ruhezonen bei stetig wachsender Größe der Wirtschaftsflächen, die Pestizide, die immer größer und schneller werdenden Bearbeitungsmaschinen vom Kreiselmäher bis zum Mähdrescher, die Beunruhigung durch Spaziergänger und ihre Hunde sowie der zunehmende Prädatorendruck durch Raben- und Greifvögel, durch Füchse, Dachse und Marder - das ist nur eine Auswahl der möglichen Faktoren. Wir können nur hoffen, daß sich die Situation in einigen klimatisch günstigen Jahren einmal wieder ändert. Die Hasendichte mag bei uns etwa bei 3/100ha liegen, etwa ab 10/100ha wird man wieder winterliche Treibjagden auf Hasen durchführen können, Veranstaltungen, die ja früher zu den Höhepunkten im Jagdjahr gehörten.
Abb. 5 : Die Entwicklung der Hasen- und Kaninchenstrecken im Altkreis Duderstadt von 1938/39 bis 1998/99
Noch katastrophaler scheint die Situation beim Kaninchen zu sein : von 1990 bis 1999 ist die Strecke von 1760 auf 32 zusammengebrochen. Da es sich hier aber eindeutig nicht um die Folge ökologischer Ursachen, sondern um die Auswirkungen von Seuchen (Myxomatose und RHD, der sogen. Chinaseuche) handelt, ist, wie in der Vergangenheit nach ähnlichen Seuchen, wohl mit einer allmählichen Erholung zu rechnen.
Zum Abschluß ein Wort zum Federwild (vgl. Abb. 6). Diese Wildgruppe verhält sich gegenüber den Beeinträchtigungen ihres Lebensraumes sehr unterschiedlich. Wildenten, hier fast ausschließlich Stockenten, werden mit der allgemeinen Eutrophierung von Gewässern und Siedlungsrändern ebenso gut fertig wie wildlebende Tauben; beide sind als Profiteure der Kulturlandschaft anzusehen. Die Schwankungen der Strecken lassen - etwas anders als das Bild jedes fünften Jahres anscheinend hergibt - keinen Trend erkennen. In den letzen acht Jahren vor 1998/99 schwankten die Entenabschüsse unregelmäßig zwischen 400 und 600, diejenigen der Taubenabschüsse zwischen 120 und 300. Völlig anders verhält es sich bei den Wildhühnern. Rebhühner gehörten bis in die siebziger Jahre zu dem häufigsten Federwild : 1975/76 war die Rebhuhnstrecke mit 621 Stück höher als die der Enten und Tauben zusammen, 1998/99 betrug sie 6 Kreaturen, wobei gesagt werden muß, daß die meisten Jäger, die noch über eine Rebhuhnkette im Revier verfügen, diese natürlich nicht mehr bejagen. Fasanen, seit der Römerzeit in Deutschland heimisch, waren im Eichsfeld nie so zahlreich wie in anderen Teilen Deutschlands. Jahresstrecken um 200 Stück sind auf Null abgesunken. Die Gründe des starken Rückgangs der sensiblen Hühner liegen vor allem bei der Zunahme der Prädatoren vom Steinmarder bis zum Habicht und den Rabenvögeln, im Fehlen von Deckung in der Feldflur zu allen Jahreszeiten und in der weitgehenden Vernichtung der Insekten in der Aufzuchtphase der Küken durch Insektizide, wobei Aussichten auf eine Besserung der Situation wohl kaum bestehen.
Abb.6 : Die Jagdstrecken des Federwildes im Gebiet der Jägerschaft Duderstadt von 1938/39 bis 1998/99
Soviel zu der Entwicklung der Wildpopulationen im Untereichsfeld in den letzten 40 Jahren und zu den Zukunftsaussichten. Zu hoffen ist, daß sich die Diskussion um Natur und Wild in Zukunft wieder entkrampft, und daß der Weg von Ideologie und Hysterie wieder zu Vernunft und naturwissenschaftlicher Argumentation führt. Die Diskussionen um die Rabenvögel und die Neuregelung der Jagdzeiten in jüngster Zeit lassen allerdings für das Land Niedersachsen keine Anzeichen einer Besserung in diesem Sinne erkennen. (kp)